Ayip
Ali Haydar Karahan
2. Platz beim Schreibwettbewerb "Schamgefühl" 2026
Wie immer im Sommer hatten wir uns auch an diesem Mittag unter dem dichten Schatten des alten Aprikosenbaums versammelt.
Die sengende Hitze, die in der Luft flimmerte, hatte uns träge gemacht. Der monotone Gesang der Turteltauben, die im Dach unseres Hauses nisteten, verstärkte unsere Trägheit. Lust- und kraftlos saßen wir auf dem bloßen Boden im Schatten und erzählten Geschichten. Wir erzählten von unseren Heldentaten: davon, wer sich vor dem Hund fürchtete und wer nicht, wer schneller kletterte, wer schneller rannte und allerlei ähnlichen, sowohl wahren als auch erfundenen Triumphen von uns jungen Hähnen.
Während wir dasaßen und erzählten knöpfte ich die ersten drei Knöpfe meines Hemdes auf. Nicht allein, um mich der Hitze zu erleichtern, sondern auch weil ich seit einigen Wochen spürte, wie in mir etwas Neues erwachte: An der Schwelle vor dem Eintritt zur Männlichkeit fand ich meine Brust schön. Dieses leise Empfinden über mich selbst erfreute mich sehr. Überzeugt davon, dass mir das halb geöffnete Hemd eine gewisse Attraktivität verlieh, genoss ich dieses Gefühl, während die anderen um mich herum mit ihren eigenen Heldentaten prahlten. Ich hörte ihnen kaum zu und warf immer wieder verstohlene Blicke auf meine Brust.
Meine Oma kam mit ein paar Töpfen in der Hand, in ihrem schwarzen Gewand samt golden bestickter Kopfbedeckung den Hang hinunter zum Aprikosenbaum, wo sich die Kochstelle und wir vier Jungen befanden. Nachdem sie die die Töpfe beiseitestellte, begann sie Feuer zu machen.
Neugierig und hungrig wollte ich nachsehen, was sie kochte und erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie richtete sich auf und begann, mich zu schimpfen: „Seht euch das an! Der Unverschämte hat sich das Hemd aufgeknöpft – man sieht seine Brust! Schämst du dich denn gar nicht, du Lausiger? Ayip, ayip! Knöpf auf der Stelle dein Hemd wieder zu!“, sagte sie laut mit einer Miene voller Verachtung, als stünde sie vor einem Gericht und hielte eine Anklage.
Die plötzliche Bloßstellung vor den anderen ließ einen Schauder durch meinen Körper fahren. Schweiß sammelte sich in der Rinne meiner Oberlippe und die feinen Härchen an meinen Armen richteten sich wie Stacheln auf. Für einen Augenblick schien die Welt den Atem anzuhalten und selbst die Tauben, die eben noch gurrten, verstummten. In diesem Augenblick wünschte ich mir nichts sehnlicher, als unsichtbar zu werden.
Die anderen Jungen sagten nichts, doch in ihrem Schweigen und Blicken lag Schadenfreude. Sie genossen es, mich – den Stärkeren, dem sie sonst nie gewachsen waren – nun unter dem Tadel meiner Großmutter schrumpfen zu sehen. Klein fühlte ich mich nicht nur, weil ich vermeintlich etwas falsch gemacht hatte, sondern weil dieser Fehler ausgerechnet vor jenen offengelegt wurde, denen ich hatte imponieren wollen.
Als ich zum Protestieren ansetzte, da fuhr sie mich erneut an und befahl mir, das Hemd zuzuknöpfen. Mit gesenktem Blick knöpfte ich mein Hemd zu und empfand selbst vor den verdorrten Disteln am Boden Scham, als ob selbst sie mich verurteilten. Dann stahl ich mich zornig davon und rannte weg. Als ich weit genug war, öffnete ich mein Hemd wieder.
So harmlos meine unbehaarte Brust mit zarten neun Jahren auch war – so schwer wog das vermeintliche Ayip, dass ich sie gezeigt hatte.
Ayip bezeichnet etwas Beschämendes. Es gibt das einfache Ayip und das Cok Ayip – das sehr Beschämende. Im Grunde ist Ayip die öffentlich gewordene Scham, und Scham ist ein unsichtbarer Gesetzgeber in einem Gesetzbuch, das jeder nach Belieben ergänzt hatte. Ayip erzeugte Scham, Scham gebar Anstand, Anstand wurde zu Tugend, Tugend war der Boden der Ehre. Nach diesen stillen, allseits bekannten Regeln lebten alle.
Omas Strenge bezüglich Ayip kam nicht von ungefähr: Jahrzehnte zuvor hatte sie als junges Mädchen auf brutalere Weise Ayip kennengelernt. Ihre Schwiegermutter hatte sie so heftig geschlagen, dass sie fürchtete, sterben zu müssen, nur weil sie außerhalb der Essenszeit Brot gegessen hatte. Der Bruder meiner Oma hatte einst einen Mann getötet, um die Ehre der Familie zu wahren. Dabei ging es um Rache für einen ebenfalls wegen der Ehre getöteten Neffen. Das war nicht Ayip – denn der Bruder hatte Rache genommen und damit die Familie vor Scham bewahrt. In diesem System wurde Oma zu jener strengen Hüterin von Ayip.
Dementsprechend sah ich nie, dass meine Oma jemals etwas getan hätte, das ayip war. Sie, die selbst im Sommer in ihr mehrlagiges, traditionelles Gewand gehüllt war, beklagte sich nie- weder über Hitze noch über Kälte. Sie sagte nie, dass sie Hunger habe oder von der vielen Arbeit müde sei. Selbst aus dem Bad kam sie so bedeckt heraus, wie sie hineingegangen war, als hätte sie sich zum Baden nicht entkleidet. Schon den bloßen Anschein von Ayip zu erwecken, dass sie sich ausgezogen hätte, wäre ayip gewesen. Die einzigen Hautpartien, die Sie je zeigte, waren von den Augenbrauen bis zum Kinn sowie ihre Hände.
Auf Fotos lachte sie nie – das wäre ebenfalls ayip gewesen.
Sie saß nie mit gehobenen oder gespreizten Beinen, sondern stets mit geschlossenen Knien, auf denen ihre offenen Hände ruhten. Sie sprach nicht viel und antwortete nur knapp mit einem „ich weiß nicht“, wenn man sie etwas fragte – auch dann, wenn sie die Antwort kannte. Einmal schlug sie ihre einundzwanzigjährige Tochter so brutal, weil diese ein rotes Oberteil angezogen hatte. Ab dem Zeitpunkt nannte sie ihre Tochter im Streit „die rote Wespe“ und nicht bei ihrem Namen. Oma aß erst, nachdem die Männer fertig gegessen hatten. Sie aß auch nur wenig und nur ganz unauffällig, sodass der Eindruck entstand, dass sie nicht mal esse. Insgesamt schien sie so, als hätte sie kein einziges menschliches Bedürfnis.
Mit sechzehn verheiratet, gebar meine Oma sieben Kinder und lebte fünfundachtzig Jahre. Noch heute, viele Jahre nach ihrem Tod, wird sie noch ehrenvoll als gescheite und anständige Frau erwähnt – ihr Bruder auch.
Alle Lasten des Lebens waren für Oma erträglich – außer der Last des Ayip. Möge sie in Frieden ruhen!
Doch das Ayip, das sie mir an diesem Tag vorwarf, war nicht mein schwerste Ayip. Mein eigenes und immerwährendes Ayip, dass ich keine Eltern hatte war schwerer und ließ mich unvollständig fühlen. Jedes Mal, wenn ich Kinder mit ihren Eltern sah, fühlte mich minderwertig und schämte ich mich meiner. Für mich war das, das Ayipteste – das ich auch ohne einen Ayip Vorwurf fühlte: für immer ein Außenseiter zu sein. Damit hatte ich genug eigenes Ayip und konnte kein Weiteres brauchen.
Sieben Jahre nach meinem ersten Ayip unter jenem Aprikosenbaum bin ich nach Deutschland gekommen und lernte mit sechzehn zum ersten Mal meinen Vater kennen, der bereits seit Jahrzehnten hier lebte. Sein Hemd war bis zum Hals zugeknöpft.
Der Vorwurf meiner Oma ließ mich damals nur trotzig werden. Mit zunehmendem Alter aber wuchs meine Abneigung gegenüber Ayips, je mehr ich mich damit auseinandersetzte. Bei den immer wieder aufflammenden Erinnerungen an das Ayip wurde mir eines Tages klar, was genau mich damals so tief beschämt hatte:
Es war weniger, dass mir ein Ayip vorgeworfen wurde, sondern die Erkenntnis, dass sie mir – einem Jungen – ein Ayip anlastete, das sonst ausschließlich Frauen traf, wenn sie Haut zeigten. Etwa beim Bücken, ohne instinktiv eine Hand an den Ausschnitt zu legen. Und je älter ich wurde, desto deutlicher sah ich, was für mich damals nur eine kurze Demütigung gewesen war, die man nach einer Woche wieder vergessen hatte, war für Frauen wie eine lebenslange Fessel. Denn das Ayip der Frauen war immer Cok Ayip.
Eine Frau, der Ayip nachgesagt wurde, verlor die Achtung der Gesellschaft – vor allem die der Frauen. Eine ehrbare Frau wurde schnell zu einer Hure, weil sie einmal zu kurz angezogen war, zufällig mit einem Fremden sprach oder eine Böe ihren Rock in dieser kleinen und zu jener Zeit von allem abgelegenen Stadt hochhob. Manchmal reichte es auch, dass jemand neidisch auf eine Frau war, ein Ayip über sie erfand und es verbreitete. Das Cok Ayip führte in vielen Fällen zum Selbstmord, zum Auszug in eine andere Gegend oder gar zum Ehrenmord der Frauen.
Heute, Jahrzehnte nach all dem, spüre ich hin und wieder, wie die Impulse der alten Ayip-Gesetze sich in mir melden – jedes Mal muss ich sie mit Vernunft überwinden. Manchmal werde ich auch durch andere damit konfrontiert. So etwa vor einigen Jahren als ich heiratete: Ich wurde seit Langem wieder mit Ayip getadelt, weil ich etwas überschwänglich tanzte. Meine Cousine, die neben mir tanzte, sagte: „Es ist deine Hochzeit, tanze, wie du willst!“ Über ihre Worte war ich froh. Ich fühlte mich in meiner Haltung gegenüber Ayip nicht allein, getröstet und bestätigt. Ja, die Zeiten hatten sich geändert.
Eines Tages werden die starren Ayip-Gesetze dem Drängen der Freiheit nicht mehr standhalten können. Immer wieder sehe ich, wie die Jugend dort die alten Gesetze des Ayips überwindet, ohne dabei schamlos zu werden. Und doch wirkt Ayip weiter – in Erinnerungen, in der Stille der Einöde, unter Aprikosenbäumen, im Gurren der Tauben.