Die Gewinner
des Schreibwettbewerbs "Schamgefühl"
Fast 50 Einsendungen haben uns zum diesjährigen Schreibwettebewerb erreicht!
Im Rahmen der Stadtleseaktion "Regensburg und Kelheim lesen ein Buch" verfassten Menschen aus der Region Kurzgeschichten zum Thema "Schamgefühl". Aus den Einreichungen hat die Jury drei finale Texte ausgewählt.
Die Gewinner-Texte
Haut aus Papier und Licht
Die Autorin Theresa Manhart wurde von der Jury mit dem ersten Platz ausgezeichnet für ihre Geschichte "Haut aus Papier und Licht".
In der Mitte
Brigitte Eisenhut wurde für die Geschichte "In der Mitte" von der Jury der dritte Platz veriehen.
1. Platz: Theresa Manhart
Theresa Manhart studierte Wirtschaftspädagogik und Germanistik in Bamberg, bevor sie
zurück in ihre Heimat Regensburg zog. Dort arbeitet sie als Autorin und Berufsschullehrerin für Deutsch und Wirtschaft. Mittlerweile lebt sie mit ihrem Mann in der Nähe von Regensburg.
Kurzgeschichte
Eine junge Frau, deren Körper von einem Eingriff gezeichnet ist, den sie nie benennen
konnte, findet in ihrer ersten Liebe und in der Kunst eine neue Sprache — eine, die Scham in Mut verwandelt.
Seit Jahren trägt Samira eine Geschichte in sich, die sie nie aussprechen konnte — eine,
die in ihrem Körper eingeschrieben wurde, lange bevor sie verstehen konnte, was ihr
angetan wurde. Die Scham darüber begleitet sie wie ein Schatten, unsichtbar für die Welt,
unerträglich für sie selbst.
Im Seminar der Kunsthochschule findet sie etwas, das sie nicht gesucht hat: Noah. Er ist
neugierig, warm und geduldig — jemand, der Stille nicht für Schwäche hält und hinter
Samiras Kunst mehr erkennt als schöne Motive. Schritt für Schritt entsteht zwischen
ihnen ein zarter Raum, in dem Vertrauen wachsen kann.
Doch als Noah sie ermutigt, ihrer Kunst eine „Wahrheit“ zu geben, wird Samira mit ihrer
eigenen Verletzlichkeit konfrontiert. Zum ersten Mal wagt sie zu zeigen, was sie
jahrelang verborgen hat, und findet so ihre eigene Stimme.
2. Platz: Ali Haydar Karahan
Ali Haydar Karahan, geboren 1976, lebt seit 27 Jahren in Regensburg. Während sein Berufsalltag als Projektmanager und seine Familie mit seinen zwei Töchtern den festen Ankerpunkt in seinem Leben bilden, widmet er sich in seiner Freizeit intensiv dem Schreiben. Neben einem bereits abgeschlossenen Roman arbeitet er zurzeit an einem weiteren Werk.
Kurzgeschichte
Ayip ist das allumfassende Wort eines moralischen Räderwerks im öffentlichen Leben vieler Gesellschaften. Mit diesem Wort werden
unter anderem Banalitäten missbilligt: Händchenhalten in der Öffentlichkeit, zu lautes Lachen, zu viel Haut zeigen oder ein offenes Hemd. Dabei geht es nicht um die Tat selbst, sondern darum, ob jemand zuschaut. Aus dem Arabischen stammend, fungiert das Wort in über 20 Sprachen als ethisches Stoppschild.
Während Ayip in diesen Sprachen als ein einziges, universelles Wort für alles Mögliche fungiert, hat es im Deutschen keinen Pendanten. Seine Bedeutung ist zerstückelt in Begriffen wie Scham, Tabu oder Peinlichkeit, sodass eine Lücke entsteht. Interessanterweise füllt Ayip mit seiner Universalität genau diese Lücke, weshalb auch Jugendliche ohne Migrationshintergrund das Wort häufig benutzen.
„Bruda, ist ayıp, was du machst!"
Doch Ayip ist mehr als nur ein sprachlicher Lückenfüller. Natürliche Scham schützt das Individuum, Rücksicht ist eine freiwillige Entscheidung aus Respekt – Ayip hingegen dient einem anderen Zweck: Es ist ein gesellschaftlicher Zwang im Dienst der anderen von. Als stilles Dogmengeflecht aus einem Buch ohne Papier und Verfasser hinterlässt Ayip tiefe Spuren.
Der Autor wuchs in diesem System auf. Als er mit sechzehn nach
Deutschland kam, glaubte er, sich von Ayip befreit zu haben. Er
bemühte sich aktiv, es nicht weiterzugeben. Doch er wurde eines
Besseren belehrt: „Du hast nie Ayip gesagt, aber ich habe es gespürt.“
3. Platz: Brigitte Eisenhut
Brigitte Eisenhut wurde in Altötting in Oberbayern geboren. Ihr Weg führte sie über das
Studium in München nach Regensburg, wo sie viele Jahre als Lehrkraft tätig war.
Neben ihrer pädagogischen Arbeit engagierte sie sich auf verschiedenen Ebenen in der
Personalvertretung sowie im Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV). Fragen von Verantwortung, Haltung und Werten prägten diese Zeit.
Nach einer krankheitsbedingten Neuorientierung entdeckte sie die Liebe zum Schreiben und die Begeisterung für die schriftstellerische Tätigkeit. Seither widmet sie sich literarischen Texten in unterschiedlichen Formen und Richtungen.
Ihre Texte verbinden Erfahrungen mit literarischer Gestaltung. Im Mittelpunkt stehen
Authentizität, Haltung und Werte – ohne sich auf ein Genre oder eine feste Richtung
festzulegen.