Haut aus Licht und Papier

Theresa Manhart

1. Platz beim Schreibwettbewerb 2026 "Schamgefühl"

Ich hatte nie gelernt, meinem Körper zuzuhören. Vielleicht, weil er schon früh eine Geschichte geschrieben hatte, die nicht von mir stammte. Eine Geschichte, die geschrieben wurde, bevor ich selbst Worte hatte, um sie zu verstehen. Eine Geschichte, die mir übergestülpt worden war, bevor ich überhaupt wusste, dass man Geschichten auch selbst schreiben und erzählen konnte. Meine Geschichte war da, unausgesprochen, wie ein leiser Unterton, der jedes meiner Gefühle färbte.
Manchmal fühlte sich mein Körper an wie Papier, das zu lange dem Licht ausgesetzt war: dünn, brüchig, durchscheinend. Als könnte ein einziger unbedachter Griff ihn zerreißen. Und doch trug er all diese feinen Risse in sich, ohne dass jemand sie sah. Oft glaubte ich, man müsste nur ein wenig genauer hinsehen, dann würden die Linien sichtbar werden. Wie auf einer Landkarte, die Wege zeigte, die ich selbst nie gewählt hatte. 
Aber niemand sah hin. Also tat ich es auch nicht. Ich hielt meinen Körper im Schatten, als ließe sich so verhindern, dass noch mehr Farbe verblasste, noch mehr Struktur verloren ging. Und vielleicht hoffte ich insgeheim, dass er eines Tages von selbst zu mir sprach. Mit einer Stimme, die wirklich die meine war. Noch war es nicht so weit.
Trotzdem saß ich hier, im Atelier der Kunsthochschule. Zwischen Farbpaletten, Scheren und flackernden Deckenleuchten. Es roch nach Acrylfarbe und Staub. Ein sicherer Geruch.
Noah stand am Fenster und beobachtete mich. Oder nicht mich. Vielmehr meine Hände. Er sagte immer, man könne einem Menschen an den Händen ansehen, was er noch nicht aussprechen konnte. Ich wusste nicht, ob das stimmte. Aber ich mochte seinen Blick. Er drängte nicht. Stattdessen ließ er mein Herz jedes Mal einen Hüpfer machen.
»Willst du es probieren?«, fragte er, als er nähertrat. Er hielt mir einen Stapel alter Zeitschriften hin.
Ich nickte. Worte auszuschneiden, fiel mir leichter, als sie aus meinem Mund zu lassen.
Wir arbeiteten schweigend nebeneinander. Er riss Farben aus Hochglanzmagazinen, ich sammelte Wörter wie andere Menschen getrocknete Blätter und Blumen. Aus einer Modezeitschrift schnitt ich ›Haut‹ heraus, aus einem Architekturmagazin ›Licht‹.
Ich legte die beiden Worte nebeneinander. Sie sahen aus wie eine kleine Brücke.
Noah sah es und lächelte. Ein Lächeln, das meinen Puls höherschlagen ließ. »Du baust dir eine eigene Sprache, was?«
Statt einer Antwort zuckte ich mit den Schultern. Ich könnte ›ja‹ sagen, ich könnte alles sagen. Nur nicht das, was wirklich wehtat.
Er nahm eine Schere und legte sie zwischen uns. »Wollen wir das Projekt gemeinsam machen? Eine große Collage von uns beiden? Deine Worte, meine Formen?«
Mein Blick fiel auf seine Hände. Geduldig und warm.
»Ja«, antwortete ich verzögert. Ein kleines Ja, aber es fühlte sich an wie ein Anfang.
Mein Kopf war ein versiegelter Raum, seit Jahren schon. Doch hier fühlte er sich zum ersten Mal durchlüftet an. Als wäre es jemandem endlich gelungen, ein seit Ewigkeiten verrostetes Fenster mit seinen störrischen Scharnieren aufzustoßen.
Wir durchstöberten den Fundus des Ateliers und sammelten alles, was wir benutzen konnten. Kartons, Stoffreste, Polaroids, Postkarten, Kordeln, Wachs.
Manchmal redeten wir, meistens aber nicht.
»Warum tust du das?«, fragte ich ihn nach einer Weile.
Er verstand mich sofort. »Mit dir zusammenarbeiten?«
Ich nickte. 
»Weil ich das Gefühl habe, du sagst mehr, wenn du schweigst, als andere, wenn sie reden. Klingt das nachvollziehbar?«
Ich wollte ihm glauben, aber mein Körper verengte sich bei dem Gedanken, dass mich jemand so sah. Trotzdem lächelte ich.
Auf einmal zog er eine batteriebetriebene Lichterkette hervor. »Hab ich hinten im Regal gefunden. Für unser Projekt. Damit die Schatten Teil des Bildes werden. Was sagst du?«
Ich schaltete sie ein und legte sie wie einen Rahmen um die Leinwand. Das Licht malte Konturen um die Collage, machte die Lücken sichtbar, die wir gelassen hatten.
»Gefällt dir das?«, hakte er nach.
Wieder nickte ich. Es gefiel mir mehr, als ich in Worte fassen konnte. Schatten machten Dinge ehrlich. Greifbarer, realer.
Noah rückte näher an mich heran. Nah genug, dass ich seinen Atem spürte, aber weit genug, dass ich noch atmen konnte.
»Ich will eine Figur hinzufügen«, meinte er leise. »Eine, die deine Wahrheit zeigt.«
Bei dem Wort ›Wahrheit‹ spürte ich sofort, wie sich etwas in mir verhärtete. Eine alte, bekannte Kälte. Eine Kälte, die mich erschaudern ließ und mein Herz in Ketten legte.
»Ich habe keine Wahrheit«, entgegnete ich schnell. Zu schnell.
Er sah mich lange an. Sah mir tief in die Augen und musterte jeden meiner Gesichtszüge. »Samira, ich weiß, dass etwas in dir ist, das dich festhält. Dich fesselt.« Seine Stimme war nicht neugierig. Nur offen. Und das machte es schwerer. Um so vieles schwerer.
Ich schluckte. In mir stieg dieses Gefühl auf, das mich manchmal überfiel. Eine Mischung aus Scham und Sehnsucht. Die Scham gehörte nicht mir. Die Sehnsucht dagegen schon.
»Ich … bin einfach vorsichtig«, sagte ich.
»Damit habe ich kein Problem.« Er lächelte wieder. Dieses weiche Lächeln, das mich gleichzeitig tröstete und erschreckte. Ein Lächeln, das meine Knie weich werden ließ.
Eine Stunde später standen wir draußen, da die Luft in der Werkstatt zu stickig geworden war. Diese Pause tat gut. Sie zeigte mir, dass es auch ein Leben außerhalb der Pinsel und Farben gab.
Noah trat ein paar Schritte vor mich, drehte sich um und lehnte sich gegen die Wand. »Sag mir nur das, was du sagen willst. Nichts mehr. Okay?«
Ich starrte auf meine Schuhspitzen. Der Asphalt darunter war rissig wie Papier. »Es gab … früher … etwas. Es ist etwas … passiert. Mit meinem Körper. Bevor ich alt genug war, um es zu verstehen.«
Ich spürte, wie mein Herz hämmerte. Dieses Mal nicht auf die gute Art. Ich verriet keine Details. Die brauchte ich nicht auszusprechen, um sie zu fühlen.
Noah nickte langsam. »Jemand hat dir etwas genommen?«
Ich schwieg. Aber es war ein zustimmendes Schweigen.
Er trat näher. Er stellte keine weiteren Fragen. »Es tut mir leid, Samira.« Und dann: »Du bist nicht weniger richtig oder wert deswegen. Ich hoffe, du weißt das.«
Etwas brannte hinter meinen Augen. Etwas Altes, das lange eingeschlossen war. »Ich hasse es, darüber zu sprechen.«
»Dann müssen wir das nicht. Nicht heute. Nicht morgen. Vielleicht nie.«
Ich sah ihn an.
»Aber du musst es nicht verstecken«, fügte er hinzu.
Das war der Moment, in dem etwas in mir nachgab. Nicht zerbrach, eher … aufatmete.
In den folgenden Tagen veränderte sich unser Projekt. Mein Anteil wurde mutiger. Ich packte Worte hinzu, die ich früher nicht einmal gedacht hätte: Körper, Mut, Stimme, Bleiben.
Noah berührte mich nicht, obwohl ich manchmal das Gefühl hatte, dass wir beide das wollten. Aber er wartete, als hätte er alle Zeit der Welt.
Als wir die Collage am Ende der Woche fertiggestellt hatten, umfasste sie mehr als eine Leinwand, fast eine ganze Wand: Farben, Schatten, ausgeschnittene Sätze, Linien, die sich annäherten und wieder entfernten. Ein Chaos, das dennoch Sinn ergab.
»Und jetzt?«, fragte ich ihn.
»Jetzt geben wir unserem Projekt einen Namen.«
Ich legte meine Hand auf einen hellen Platz in der Mitte. Einen, der von der Lichterkette ausgeleuchtet wurde.
»Haut aus Licht«, flüsterte ich.
Noah lächelte. »Weil du endlich im Hellen stehst?«
Ich atmete tief ein. »Weil ich es will.«
Am Ende blieb Noah noch, nachdem die anderen bereits gegangen waren. Ich saß auf dem Boden, lehnte mich an die Wand. Sog gierig den Geruch nach Acryl und Staub ein. Er setzte sich neben mich, aber nicht so nah wie früher. Als wüsste er haargenau, dass ich den ersten Schritt machen musste. 
Dann tat ich etwas, das ich lange nicht getan hatte: Zaghaft legte ich meine Hand auf seine. Sie war warm und ruhig.
»Es gibt noch vieles, worüber ich nicht sprechen kann«, erklärte ich.
»Ich weiß.«
»Aber … ich möchte lernen, es zu können.«
»Dann lerne ich mit dir.«
Zum ersten Mal fühlte sich mein Körper nicht wie Papier an. Eher wie etwas, das man reparieren konnte. Das man halten konnte, ohne dass es riss.
Ich schloss die Augen und lehnte meinen Kopf an seine Schulter.
Nichts tat weh.
Nicht einmal die Stille.
Und vielleicht begann genau hier meine neue Sprache.
Eine, in der ich mir selbst gehörte.
Eine ohne Schmerz.
Eine ohne Scham.
Eine mit Licht.